Mittwoch, 2. Mai 2012

SIERRA LEONE: Un Hollandais à Lakka Beach ODER ein Strand, ein Film und überraschender Erfolg

Was macht ein junger Niederländer in Sierra Leone??? Er dreht einen Film!!!

Genau das hat Daan Veldhuizen, 30, aus Amsterdam getan. Une Berlinoise on Tour hat mit dem jungen Filmemacher über erste Eindrücke, finanzielle Engpässe und den überraschenden Erfolg gesprochen.

Veldhuizens ursprünglicher Auftrag als er 2006 nach seinem Film-Studium in Holland das erste Mal nach Afrika kam: NGO-Mitarbeitern das Erstellen von kleinen Videofilmen beibringen. Doch aus den geplanten zwei Wochen, die er in Sierra Leone verbringen wollte, wurden fünf und nur drei Jahre später bechloß er, seinen eigenen Film über das westafrikanische Land zu drehen.
Vor einigen Wochen wurde Stories from Lakka Beach beim Salem Film Fest in Amerika als "Best Cinematography" ausgezeichnet. Auch das erste Sierra Leone International Film Festival, das  vom 29. März bis zum 2. April diesen Jahres stattfand wurde mit seinem Film eröffnet.
 
Lakka Beach
Daan, in 2006, what were your first impressions of the country?
My first impression was the high contrast present everywhere in the country. For example the dirt of Freetown compared to the lush beauty of the surrounding beaches or the cruelty of the war stories compared to the humor embedded in the people. It was my first time in Africa, so I guess that made the impact twice as big. Freetown was a lot worse back then, no light, barely any water, garbage burning everywhere. I remember being in the city was a very intense experience. One thing that struck me as well, was that so many simple basic necessities and knowledge was missing. Just the fact that some people really didn’t even know that it was important to sterilize a wound! I always presumed that was common knowledge.

So when and why did you decide to make that movie?
I decided in 2009, after my fourth visit, to make the documentary. My interest of making a film had grown over the years out of the contrast that I saw all around me and that I also felt present in myself; I loved and hated the country at the same time. Loved it for the people, the beauty and the roughness. Hated it for the lack of logic, selfishness and corruption. I realized that the foreign image of Sierra Leone was very biased by war and poverty. Nobody in my area knew about the positive sides, the very things that made me love this place! Also Sierra Leoneans themselves had told me how they wanted to overcome this bad reputation. Some blamed the international media for only reporting on Sierra Leone when it was at war and not caring anymore once it was peaceful. I somehow felt it was my duty as a filmmaker to help balance this image.

In diesem Auftrag hat Veldhuizen fünf Bewohner des kleinen Ortes Lakka, rund 20 Kilometer südlich der Hauptstadt Freetown, einige Zeit begleitet und erzählt von Geschichten über den Ozean, das Land, die Liebe und vor allem aber über die Hoffnung. Drei Monate wurde in Sierra Leone gedreht, mit Vor-und Nachbereitung dauerte die gesamte Produktion jedoch knapp 1.5 Jahre.  

 


When you think back, how did the filming go? What kind of difficulties did you have to deal with?
This documentary is my first feature length film in which I ended up doing many things, like the directing, camera, production and editing. As an unestablished filmmaker I had trouble finding funds to make this film.., or any film really. That’s why I set it out to do it on my own. I worked until I had enough money to buy the necessary equipment and a ticket to Sierra Leone. I asked my best friend to come along and gave him a quick course in sound recording. He even paid for his own ticket!

Did you expect at any point that the film would become so successful?
Of cours, I didn’t expect it to be that successful, although I also never questioned about the possibility. I think I made the right choices along the way; first I edited the film into a rough cut (a first draft edit) and used that to find a well established co-producer, together we applied for post-production funding from the Netherlands Film Fund and got granted what we asked for. Getting this funding and co-producer put the film on the radar and increased my changes on selection for the International Documentary film Festival Amsterdam (IDFA). However, being selected and nominated at IDFA, winning an important cinematography award in the US and having international premieres on respected festivals had only been scenes from my wildest dreams :-)



Concerning Sierra Leone in general, where do you see lie the biggest problems? What needs to be improved first to further develop the country?
Oh what a difficult question. If only we knew the solution! I will try though; in a practical sense I think the current government is doing an important job by facilitating the country with basic infrastructure like electricity, water and roads. Especially roads will enable the country to grow economically, since many products are grown upcountry that could be easily exported through Sierra Leones natural harbor in Freetown. On a more psychological level I think the people need to get serious and stop being so self-centered and incredibly jealous towards each other. I would be good to see more people work together and that more people start to believe that they are only victims of their own mind.

Wer jetzt neugierig geworden ist und/oder auch Daan, der ja - wie gesagt - einen Großteil des Film selbst finanziert hat, einfach etwas unterstützen möchte ... der kann die DVD oder Blu-Ray, die ab Ende April zu erhalten ist, schon jetzt unter http://preorder.storiesfromlakkabeach.com/ vorbestellen.

Die Sonne geht unter in Lakka Beach ...


Sonntag, 15. April 2012

WORLD PUZZLE: Printemps parisien

Ein stiller Moment, ein lustiger Augenblick, eine kuriose Situation ... die Welt und das Bild, das wir von ihr haben, setzen sich aus unendlich vielen kleinen Teilen zusammen, einige von ihnen gibt es ab jetzt hier bei WORLD PUZZLE.

Blühende Bäume, Jardin du Luxembourg, Paris 2011



Donnerstag, 15. März 2012

MÜHLEBERG: Manif anti-nucléaire ODER sonntäglicher Ausflug mal anders

11. März 2012

Genau 365 Tage ist es her, dass im tausende Kilometer entfernten Japan die Folgen des verheerenden Tsunamis den atomaren Super-GAU in Fukushima - und damit auch eine hitzige Atom-Debatte in Europa - ausgelöst haben. Hinter uns liegt ein Jahr mit überraschenden Atomaustiegen (Deutschland) und vorrausplanenden Regierungen (Schweiz), aber auch Politikern, die stur an ihrem bisherigen Engergieprogramm festhalten (Frankreich).  

Auf jeden Fall ist dieses bedeutungsvolle Datum für mehrere tausend Menschen Grund genug, sich an ihrem freien Sonntag an einem Protestmarsch zum Atomkraftwerk im schweizerischen Mühleberg zu beteiligen. Gemeinsam wollen sie sich für eine Zukunft mit erneuerbaren Energien einsetzen! Ganz konkret fordern die Menschen, dass die AKWs Mühleberg und Beznau so schnell wie möglich vom Netz genommen werden sollen.  

Plakat der Aktion "Menschenstrom gegen Atom"

Friedlich zieht die bunte Truppe aus alten 68ern, Studenten und jungen Familien vom knapp 7 Kilometer entfernten Gümmenen zum AKW.

Ankunft der Demonstranten am Bahnhof Gümmenen im Schweizer Kanton Bern
Die Sonne scheint, der Himmel ist stahl-blau. Dabei weht den Marschierenden ein kalter Märzwind ins Gesicht. Immer wieder erschallt die Forderung: "Atomausstieg JETZT!". Auch eine etwas esotherisch angehauchte Truppe macht sich durch verzücktes Tamburingetrommel und sich wiederholende "Sonnenschein"-Ausrufe bemerkbar. Durch die idyllische Landschaft geht es vorbei an herausgeputzen Fachwerkhäusern und stinkenden Kuhställen weiter Richtung AKW.


Schweizer Idylle

Zweckentfremdung der Dorfstraße

Wären da nicht die gelb-roten Fahnen und das ein oder andere Plakat, die aus der Menge herrausragen, könnte man die Veranstaltung glatt auch für einen sehr großen sonntäglichen Familienausflug halten. 
Kinderwagen, Dreiräder, Rollschuhe und Bollerwagen, die komplette Fahrzeug-Abteilung eines Kinder-Kaufhauses ist hier vertreten. Die ganz Kleinen - und es ist erstaunlich, wie viele Neugeborene sich auf einer solchen Demo "herumtreiben" - werden in Babyrucksäcken von ihren Eltern getragen. "Da es um die Zukunft unserer Kinder geht, wollen wir sie schon so früh wie möglich mit dem Thema in Kontakt bringen", sagt eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn an der Hand.

Ankunft am AKW Mühleberg

Geboten wird ein buntes Programm mit Podimsdiskussionen und Live-Auftritten rund um das Thema Atomaustieg. Im Hintergrund: das AKW

Rund 8000 Menschen haben, laut Veranstalter, an diesem Sonntag an dem Protestmarsch in Mühleberg teilgenommen, doch auch in anderen europäischen Ländern haben Atomgegner die Bedeutung des 11. März genutzt, um erneut auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen.





P.S.: Was Menschen im Allgemeinen dazu bewegt, an Demonstrationen teilzunehmen, und warum sie sich für bestimmte Projekte aktiv engagieren, das herauszufinden ist Ziel eines Forschungsprojektes, an dem auch die Université de Genève teilnimmt und anlässlich dessen über 1000 Fragebögen auf der Mühleberg-Demo verteilt wurden ... wir warten gespannt auf die Ergebnisse.  

Freitag, 9. März 2012

SIERRA LEONE: Un pays africain se presente ODER Bilder einer Reise



10 Dinge, die man noch wissen sollte, wenn man nach Sierra Leone reist:


1) Ein funktionierender Flughafen muss nicht zwingend über helle Lichter verfügen.  

Zwischenlandung: Hauptterminal des Flughafens in Monrovia, Liberia

2) Auch für teure Autos werden eine vernünftige Infrastruktur und asphaltierte Straßen nicht gebraucht. 


Verrückte Welt

3) "Snap me, snap me" meint "Mach ein Foto von mir" und jeder will dabei sein.


Snap #1


Snap #2
4) "A photo, a photo" rufen die Kinder und rennen dem Auto hinterher. Auf Grund von 3) eine logische Schlussfolgerung für jeden Neuankömmling. Doch falsch gedacht, denn eigentlich rufen die Kleinen "Opoto, opoto", was so viel wie "weißer Mann" bedeutet. Also, in diesem Fall Kamera weg, fröhlich winken und mit den Kindern zusammen lachen. 

Gut, wenn jemand dabei ist, der trotzdem unauffällig ein Foto macht

5) Bei einem sogenannten "Outing" geht es nicht um streng geheime Informationen, die nun öffentlich werden! So bezeichnet man vielmehr die sonntäglichen Ausflüge der Kirchengemeinden, die mindestens einmal im Jahr stattfinden und die die Küsten nahe Freetowns in Party-Locations verwandeln.






6) Eines der Nationalgerichte ist "Chakalaka". Eine rote Soße aus Tomaten, Zwiebeln und viel Chili. Am ersten Abend schmeckt sie super lecker, am zweiten Abend freut man sich darauf, am dritten Abend könnte man auch etwas anderes essen, am vierten Abend verzichtet man gerne ... am sechsten Abend möchte man eigentlich nur noch frisches Krustenbrot von Butter Lindner essen. Chakalaka gibt es es wahlweise zu Baracuda mit Reis, Baracuda mit Pommes oder Garnelen mit Reis bzw. Garnelen mit Pommes.


Chakalaka - was will man mehr ... hmmm, Vollkornbrot, Käse, Wurst;-)?

7) Um eine entflohene Spinne zu finden, deren Größe zugegebener Maßen nicht zu verachten ist (siehe Foto), kann man auch mal ein ganzes Bett auseinandernehmen. Gutes Training für jeden IKEA-Möbel-Zusammenbau-Wettbewerb.


Kein Kommentar

Vergesst MALM, PAX und BILLY!

8) Tankstellen eignen sich hervorragend als Bank-Ersatz und zum Umtauschen von Geld. Die Notenbündel in der Stückelung von 1000 bis 10.000 (1 Euro = 5771.16 Leone) gibt es in einer schicken Plastiktüte.


Unauffällige Geldgeschäfte ...

So (oder so ähnlich) muss sich Dagobert Duck fühlen ...

9) Die religiöse Toleranz ist hoch: Mohammed-Aufkleber zieren die Autos genauso wie Jesus-Innschriften die Hauseingänge und die afrikanischen Gottesdienste sind genauso ausdrucksstark wie man sie sich vorstellt - laut, bunt und spirituell. 






10) Sierra Leone ist ein Land in Bewegung. Es hakt und wackelt an vielen Ecken. Es muss noch viel getan werden (mehr zu dem, was bereits passiert, folgt sehr bald, hier bei Une Berlinoise ), doch eines gibt es schon jetzt im Überfluß: freundliche offene Menschen!


WELCOME TO SALONE!!! 

Sonntag, 18. Dezember 2011

GENF: La tradition de l'Escalade ODER Gemüsesuppe für alle

Es ist Dezember und Genf steht Kopf. Doch nicht weil es weihnachtet, sondern weil es Zeit ist für l'Escalade.
Das jährlich stattfindende Fest erinnert an die erfolgreiche Verteidigung der Stadt Genf gegen Karl Emanuel von Savoyen in der Nacht vom 11. zum 12. Dezember 1602. Zwar hatten die Savoyardischen Soldaten bereits die Stadtmauern überwunden, doch wurden sie - der Legende nach - von einer kämpferischen Einwohnerin namens Mère Royaume mit kochend heißer Gemüsesuppe übergossen und so letztendlich doch noch vertrieben.

Bereits am Wochenende vor dem eigentlichen Abend beginnen die Festlichkeiten mit der Course de l'Escalade. Ein Lauf, bei dem die Teilnehmer, je nach Kategorie, zwischen 2 und 8 Kilometern durch die Altstadt rennen. Die komplette Genfer Innenstadt ist gesperrt. Riesige Tribünen, meterhohe Leinwände und unzählige Essensstände sind im Parc des Bastions (gleich neben den Indignés von letzter Woche) aufgebaut worden. 


Parc des Bastions während der Course de l'Escalade

Place Neuve im Stadtzentrum mit dem Opernhaus im Hintergrund

Schon am späten Vormittag scheint die ganze Stadt auf den Beinen, denn eines der Highlights ist der früh stattfindene Lauf aller Genfer Schulen. Alle paar Minuten hört man den lauten Startschuss, wenn sich die nächste Gruppe auf den Parcour begeben hat. Unter lautem Jubel und den Anfeuerungsrufen des Kommentators, dessen Stimme aus den großen Lautsprecher hallt, kommen die kleinen Läufer schließlich im Ziel an. Zwar sieht man erstaunlich viele der Kleinen am Rand bitterlichst weinen, aber das sind hoffentlich nur kurzfristig enttäuschte Läuferträume. Am späten Nachmittag gibt es dann noch einen 3 Kilometer-Lauf, bei dem sich alle Läufer, große und kleine, möglichst kreativ verkleiden müssen. Insgesamt sind es in diesem Jahr fast 25 000 Teilnehmer gewesen!
Übrigens hat man wohl herausgefunden, dass die "Course de l'Escalade" wesentlich mehr für die Gesundheit und Fitness der Genfer tut als alle subventionierten Sportprojekte der Schweizer Regierung zusammen.  

Damit nach dem Lauf auch kein Kind verloren geht, werden die Kinder ihrem Namen entsprechend zugeordnet :-)
Eine Woche später geht es bereits am Freitag wieder los. Die Genfer Oberschüler starten ins Wochenende, in dem sie sich auf dem Weg zwischen Schule und der Innenstadt mit Rasierschaum, Eiern und Mehl bewerfen ... was genau das mit der Escalade zu tun hat, konnte mir allerdings niemand so richtig erklären.
Am Sonntag Nachmittag dann endlich der Höhepunkt: die große Parade. Über drei Stunden zieht ein Umzug mit mittelalterlich gekleideten Menschen, mehreren Pferden, alten Kriegsgeräten und kleinen Blaskapellen durch die Stadt. In der Altstadt verkaufen die Restaurantbetreiber Glühwein, Crèpe und natürlich die obligatorische Gemüsesuppe von Mutter Royaume an provisorisch aufgebauten Ständen. 

Ohne Anstehen geht an diesem Nachmittag gar nichts
Der Platz vor St. Pierre ist überfüllt mit Leuten und jeder scheint heute einmal froh darüber, dass es nicht so kalt ist wie in den vergangenen Jahren. Nachdem einer der Reiter die Geschichte der l'Escalade noch einmal vorgetragen und die Menge die inoffizielle Hymne des Kantons Genf "Cé qu'è lainô" gesungen hat (siehe Video unten), endet das Highlight im Genfer Veranstaltungskalender mit einem großen Feuer, viel Gesang und noch mehr Glühwein.




P.S.: Weitere Tradition der l'Escalde ist das Zerschlagen der Marmite (dt.: Kochtopf) aus Schokolade - das natürlich auch an die Bedeutung der Suppe erinnert. Schon Wochen vor dem Fest sind die Schaufenster der zahlreichen Chocolatiers voll mit den süßen Gefäßen


Die Schoko-Töpfe gibt es in den unterschiedlichsten Größen, die ganz Großen (leider nicht auf diesem Bild) sind bis zu 50 cm hoch und kosten weit über 100 Franken

Traditionell müssen der/die Älteste und der/die Jüngste aller Anwesenden mit den Worten "Ainsi périssent les ennemis de la république" (dt.: "So kommen die Feinde der Republik um") die Marmite gemeinsam zerschlagen ...

... so auch geschehen in meiner WG :-)