Freitag, 11. November 2011

LAUSANNE: "M'arrête pas maintenant" ODER fröhliches Liederraten

Sie war mehr als eine Schönheitskönigin
Von einer Filmszene
Ich sagte 'Mach dir nichts draus'
Aber was meinst du
Ich bin derjenige
Der auf dem Fußboden tanzen wird, in der Runde

 

Nein, weder bin ich unter die Poeten gegangen, noch bin ich verrückt geworden. Aber vielleicht hat es ja jemand erkannt ... ???

Richtig! Es ist der Anfang von Michael Jackson's "Billie Jean", eben nur auf Deutsch. Dass man mit dem schlichten Übersetzen englischer Popsongs sogar eine ganze Abendunterhaltungs-Show füllen kann, haben "Les Tistics" am vergangenen Samstagabend in Lausanne, (fast) am anderen Ende des Genfer Sees, unter Beweis gestellt.

LES TISTICS

Foto-Quelle: http://www.parisetudiant.com/etudiant/sortie/les-tistics-les-franglaises.html

Ganz in der Nähe der großen Kirche St. Francois mitten in Lausanne reiht sich erst seit kurzem eine neue Location in das bunte Nachtleben der Stadt: das "Lido". Nach dem berühmten Pariser Vorbild, bietet es ein vielfältiges Unterhaltungsprogramm mit Komikern, Musikern und kleinen Theaterstücken.
Der äußere Eindruck ist jedoch erst einmal nicht sehr viel versprechend: Ein unscheinbarer Eingang neben einem schäbigen Friseurladen, schon am frühen Abend lungern die Drogendealer vor der Tür und ausgehfeine 16-jährige in viel zu hohen Pumps balancieren unsicher das Kopfsteinpflaster der schmalen Fußgängerzone bergauf.
Doch kaum ist man die Treppe herunter, taucht man ein in eine andere Welt. Alte Kronleuchter gemixt mit 60er Jahre Papierlampen leuchten in der großen Spiegelwand. Riesige Stoffbahnen an den Wänden, Flohmarkt- ... ähm ... Vintage-Sessel zum Einsinken und leise erklingender französischer Swing verleihen dem alten Theater einen etwas maroden, aber faszinierenden Charme.  
Doch das eigentliche Motto hier ist "Comedy&Club" und so verwandelt sich der Theatersaal jedes Wochenende ab 23h in einen Club. Zu alten Klassikern (nicht Elektro! ja, so etwas gibt es noch) aus Rock 'n Roll, Soul und Funk wird bis in die Morgenstunden getanzt.

 
Francais meets Anglais

Foto-Quelle: http://jullybouh.deviantart.com/art/Les-Franglaises-3-178043798

"Les Franglaises" nennt sich das neue Stück der kreativen Truppe, Les Tistics,  deren Mitglieder sich beim Improvisationstheater in Paris kennen gelernt haben. Es ist ein interaktiver Abend und das Publikum ist voll dabei. Das Spiel ist simple: Vorgetragen werden die wortgetreuen Übersetzungen englischsprachiger Lieder auf Französisch. Wer das Lied zuerst erkennt, ruft die Lösung einfach in den Raum. Da gibt es dann zum Beispiel die Uptempo- Nummer "Il faut commencer" von den Black Eyed Peas, den Musical-All-time Favourite "Ces nuits d'été" aus Grease oder den Party-Hit "Il pleut des hommes" von den Weather Girls.  

Noch mehr Beispiele und damit Ihr endlich seht, wovon ich rede:



Manchmal lohnt es sich also wirklich im Radio etwas genauer hinzuhören, denn wer sich "ich brenne durch den Himmel, Zweihundert Grad, deswegen nennen sie mich Herr Fahrenheit, ich reise in Lichtgeschwindigkeit, ich will einen Überschallmann aus dir machen" einmal auf der Zunge zergehen lässt, der kann über den einen oder anderen großen Liederschreiber der Moderne tatsächlich nur noch den Kopf zu schütteln (oder sich fragen, welches Teufelszeug dieser während des Liederschreibens genommen hat). Genauso wie der Titel dieses Beitrages ist auch das eben genannte Beispiel aus dem Song "Don't stop me now" von Queen. 

Das Konzept scheint auf jeden Fall zu funktionieren, denn auch in Deutschland gibt es für diese etwas irritierende Art, Musik darzubieten,  offensichtlich eine größere Fangemeinde, die den einen oder anderen inspiriert.





Mittwoch, 2. November 2011

GENF: La porte s'ouvre ODER der erste Eindruck

... in Bildern und Beobachtungen

Ohne "Jet d'eau" wäre es nicht Genf
Abkürzungen, Abkürzungen, Abkürzungen!!! UNO, CERN, IKRK, WHO, IAO, ISO, ITU, WIPO, WMO, WOSM, WTO, UNHCR und und und ... mehr als 25 internationale Organisationen haben sich in Genf niedergelassen. 40% der Genfer Bevölkerung sind Ausländer, die aus über 180 Nationen kommen.

Herbststimmung
In der Fußgängerzone spielt der Leierkastenmann "As time goes by", die vorbei eilenden Damen mit den Designertaschen am Arm scheint das nicht zu interessieren. Wenige Meter weiter an der Bushaltestelle bettelt eine Frau um Geld. "Bébé, bébé", murmelt sie, dabei streicht sie immer wieder über ihren Bauch. Es ist offensichtlich, dass sie sich ein Kissen unter den Pullover geschoben hat.

St. Pierre de Genève
Die Kathedrale St. Pierre liegt etwas erhöht und bildet den Mittelpunkt der Altstadt. Auf dem kleinen Platz davor dreht sich ein altes Karussell mit liebevoll verzierten Pferdchen. Direkt dahinter gibt es billige Ramschware an kaputten Marktständen zu kaufen. 

Schweizer Fahnen und die Flagge des Kanton Genf
Eine osteuropäische Touristengruppe folgt ihrer Stadtführerin laut lärmend durch die Altstadt.  Statt mit dem obligatorischen Fähnchens marschiert sie mit einer großen Stoffblume strammen Schrittes vorneweg. 

Place de Bourg-du-Four
In der Altstadt reiht sich eine moderne Kunstgalerie an die nächste. Gleich daneben das Geburtshaus von Rousseau. Aus dem oberen Stockwerk ertönt klassische Musik, jemand übt auf dem Cello.   

Kleine Gassen gibt es überall
Es riecht nach nassem Herbstlaub. Wie immer, hat sich der morgendliche Nebel erst im Laufe des Tages vollständig verzogen. Die Nachmittagssonne lässt die wenigen verbleibenden Blätter an den Bäumen orange, gelb und rot leuchten.

Im Hintergrund der Mont Salève (Frankreich)
Multikulti in der Tram: In Anzug und mit Aktentasche, den Blackberry am Ohr, bestätigt der Mann seinen Termin auf Englisch. Die Frau mit den langen künstlichen Fingernägeln und ihre Begleitung unterhalten sich in lebhaftem Spanisch. Ein Sitznachbar telefoniert wild gestikulierend auf Italienisch. Die Tür geht auf, eine Gruppe von Französisch sprechenden Schülern steigt ein. Zwei Touristinnen mit rot-grauen Wanderrucksäcken lesen in ihrem Stadtführer - er ist auf Deutsch. 
Die spinnen doch, die Genfer :-)!

 
P.S.: Für die ganz Neugierigen gibt es unter http://de.wikipedia.org/wiki/Genf die Erklärungen zu den am Anfang aufgezählten Abkürzungen.

Montag, 24. Oktober 2011

NEU DELHI: Recherche impossible ODER Indisch für Anfänger

Anm. d. Red.: Da Une Berlinoise ja nun nicht mehr ortsgebunden ist, werdet Ihr in nächster Zeit auch die eine oder andere "nicht-schweizerische" Geschichte von mir zu lesen bekommen ... und wir starten 10.000 Kilometer östlich - in Indien. 

Mein Traumberuf ist Journalistin - mit ein Grund für mich dieses Blog überhaupt zu schreiben. Für jeden Journalisten gehört eine ordentliche Recherchearbeit mit zum Job. Dass Recherche jedoch nicht gleich Recherche ist, habe ich letztes Jahr in Indien schon einmal hautnah miterleben dürfen. Zusammen mit dem Dokumentarfilmer Peter Weinert  und seinem Expeditionsleiter Wolfgang Uhl war ich auf Recherchereise für einen Film über eine indische Schmalspur-Eisenbahn im Vorhimalaya.

August 2010: Neu Dehli fiebert den sogenannten Commonwealth Games entgegen, die das erste Mal, seit ihrer Gründung 1911, in Indien stattfinden. Die indische Hauptstadt putzt sich heraus. Zwar ist das an unseren westlichen Maßstäben gemessen, nicht immer erkennbar, doch sogar die Bordsteine werden in mühevoller Kleinstarbeit mit einem neuen Tigerenten-Look ausgestattet.


Herausgeputzt?!

Tigerenten-Handarbeit
Nach dem obligatorischen Kulturschock, gibt es gleich zu Beginn die erste Lektion in indischer Recherchearbeit: Indische Ministerien sind wie „das Haus, das Verrückte macht“ aus dem Film „Asterix erobert Rom“ (http://www.youtube.com/watch?v=3L8aFkOXjb8). Zwei endlose Stunden des Wartens und Diskutierens im Hauptsitz der Northern Railways. Dann doch quer durch die Stadt zur nächsten Behörde. Wieder drei Stunden warten. Helfen kann uns dort aber auch niemand. Also wieder zurück. Die Kompetenzen scheinen hier irgendwie nicht ganz klar verteilt zu sein. Einen ganzen Tag kostet es, das Empfehlungsschreiben des Indischen Verkehrsministeriums zu ergattern, das für die Indische Botschaft in Deutschland dringend gebraucht wird.

In den Beamtenbüros bröckelt der Putz von den Wänden. Auf den Schreibtischen steht häufig nur ein Telefon. Sonst nichts. Ich frage mich, wie und was arbeiten die hier eigentlich? Service-technisch könnten sich deutsche Behörden jedoch mal etwas abgucken, denn überall schlurft sofort ein (meistens) sehr alter Angestellter in ausgebeulten Hosen herein und serviert ein Glas Wasser oder eine Tasse Tee auf einem klebrigen Tablett – ein echter Lichtblick bei 38°C Außentemperatur und 80% Luftfeuchtigkeit.


Fotografieren strengstens verboten im indischen Verkehrministerium ... Grund genug, es natürlich trotzdem zu machen

Einen Tag später, Lektion Nummer Zwei: In Indien ist es noch wichtiger als in Deutschland beim Recherchieren flexibel zu bleiben. Die Bahn, um die es in unserer Dokumentation gehen soll, braucht heute acht statt vier Stunden, weil der Zug ohne jede Erklärung mal eben drei Stunden auf den Gleisen herumsteht. Ein Kilometer ist hier irgendwie länger als bei uns und auch die indischen Uhren scheinen anders zu ticken. Unser Fahrer kommt morgens gerne mal eine Stunde zu spät und um mit Interviewpartnern zu sprechen muss man eben auch mal in einer klapprigen Seilbahnkonstruktion über eine tiefe Schlucht fahren. Umstände, unter denen man jeden noch so gut ausgetüfftelten Zeitplan gleich mal in die Tonne treten kann.


Zeit vertreiben

Nein, ich bin nicht damit gefahren! Ich gebe es zu und hoffe, dass das noch keine schlechte Journalistin aus mir macht :-)
Einmal auf die ungewohnten Gegebenheiten eingestellt, bin ich jedoch viele Tage durch wunderschöne grüne Landschaften gefahren, kilometerweit über Bahnschienen gelaufen (wie das hier übrigens sowieso alle machen, weil es die am besten befestigten Wege sind) und endlos in den Bergen herumgekraxelt, um zu entlegenen Bahnhöfen zu gelangen – immer auf der Suche nach den besten Kamerapositionen für den eigentlichen Dreh, der erst einen Monat später stattfinden wird. 

Auch das ist Indien

Die Positionen werden mit dem GPS-Gerät vermessen, um sie beim Dreh wieder zu finden

Eine Gruppe von Europäern auf Bahnschienen sorgt des Öfteren für Aufsehen - und alle wollen mit auf's Foto!

Ignoriert man die abstoßenden Müllberge und erinnert sich lieber an faszinierende Tempelbauten und das leckere Essen, dann ist Indien zwar nicht immer schön, aber immer aufregend und vielfältig. Kühe, die Verkehrsstaus verursachen, eine Spiritualität, die selbst noch in der engsten Gasse zu spüren ist, und leuchtend bunte Saris, die ihrer schmutzigen Umgebung zu trotzen scheinen. Journalistische Recherche in Indien – das ist sicherlich etwas ganz anderes als in Deutschland. Aber es sind doch eigentlich gerade die Hindernisse, die Journalisten herausfordern, antreiben und immer weiter machen lassen - ganz egal in welchem Land. Schließlich wollen wir Geschichten entdecken und erzählen und was bietet sich da besser an als ein Land voller Widersprüche?!

Freitag, 14. Oktober 2011

"QUAND UNE PORTE SE FERME, UNE AUTRE S'OUVRE"*

Ganz in diesem Sinne ist Une Berlinoise weitergezogen und geht ab jetzt mit "Hauptsitz" in Genf - der Stadt des Friedens, der UNO und des Autosalons - unter neuer Webadresse on Tour.

Ich freue mich auf viele weitere Geschichten und hoffe, Ihr bleibt dabei.

À bientôt!


*Zitat von André Gide, französischer Literatur-Nobelpreisträger 1947

Mittwoch, 25. Mai 2011

PARIS: Au revoir ODER Dieses Ende wird ein Anfang sein


161 Tage bzw. 3864 Stunden habe ich im vergangenen Jahr in Paris verbracht. Grund genug nochmal eine, wenn auch sehr verspätete, Bilanz zu ziehen.

Hier die TOP 5 der Dinge, die ich in Paris gelernt habe:

1) Minusgrade halten eine echte Pariserin nicht davon ab, in dünner Strumpfhose und Ballerinas herumzulaufen. Aus modischen Gründen habe ich es ein einziges Mal versucht, erbärmlich gefroren und es für den Rest des Winters einfach gelassen.

2) Spanische Touristen sind die neuen Asiaten ... auch wenn die Asiaten immer noch die einzigen sind, die einen eigenen Eingang zur Galerie Lafayette haben, an dem vor allem chinesisch und japanisch sprechende Kundenbetreuer sitzen. Für dieses Privileg müssen die Spanier wohl erst einmal über mehrere Jahre den Umsatz von Louis Vouitton ordentlich ankurbeln.

3) Paris ist manchmal so sehr sein eigenes Klischee, dass man am liebsten schreiend davonlaufen möchte (siehe das folgende Foto).


Notre Dame, Künstlerin mit Staffelei, ein blühender Baum und fotografierende Touristen - was will man mehr.  


4)Die Pariser Pompiers sind tatsächlich "schnell wie die Feuerwehr" (s. dritter Blogeintrag vom Oktober 2010)

5a) Französische Musik kann unglaublich gut http://www.youtube.com/watch?v=PaUI6Tvd1sA und unglaublich bescheuert sein http://www.youtube.com/watch?v=3iS8hkz4Oq8&feature=related 

5b) Die Dichte an Smartphones in der Metro lässt darauf schliessen, dass es hier wesentlich besseres Verträge gibt als bei uns ... Sehr geehrter Herr Telekom, da können Sie noch eine Menge lernen.


5c) Last but not least eine Richtigstellung der Redaktion: Das meistgespielte Lied in der Pariser Metro ist NICHT wie in einem frühreren Beitrag behauptet "La vie en rose", sondern "Those were the days my friend".

Außerdem stellen sich mir bis heute noch zwei Fragen, auf die ich bis zum Schluß keine Antwort gefunden habe:

Warum verkaufen Pariser Souvenirshops Cowboyhüte und wie bleiben Pariserinnen bei all dem Baguette und den Patisserien so schlank und zierlich (ich habe da ein spezielles Baguette/Patisserie-Verwertungs-Gen in Verdacht)?


Merci Paris! Au revoir et à bientôt!